Das kleine Einmaleins der Stecklingszucht 23.04.2018 10:24

Stecklinge sind Zweige oder kleine Triebe einer Mutterpflanze, die man so bearbeitet, dass sie inklusive der sorteneigenen Eigenschaften zu einer eigenständigen Pflanze werden. Wir werden einige grundlegende Tipps zum Thema Stecklinge und ihrer Aufzucht in diesem Beitrag erklären.

Eines ist vorweg zu sagen: Stecklinge ziehen dauert meistens lange und bedarf viel Aufmerksamkeit für die Veränderungen des Wachstums. Die Freude über einen aus einem Steckling gezogenen Gummibaum (Ficus elastica) oder einem Zickzackstrauch (Corokia cotoneaster) ist, wenn er endlich ausgepflanzt werden kann, umso größer.

Welches Substrat für Stecklinge?

Das Prinzip des Stecklings bleibt fast immer identisch. Man entfernt einen gesunden Teil einer gesunden Pflanze und steckt diesen in ein Substrat oder auch einfach in Wasser. Der Unterschied liegt in der Art des Wurzelsystems. Wird also ein Teil eines Flieders (Syringa vulgaris) als Steckling in ein Wasserglas gestellt, so werden sich in den kommenden Wochen Wasserwurzeln bilden. Wenn man sich für die Wassermethode entschieden hat, sollte täglich das Wasser gewechselt werden, weil es andernfalls anfängt zu faulen und innerhalb weniger Tage nach Moor und Sumpf riechen wird.

Den im Wasser gezogenen Steckling auf gewöhnliche Gartenerde umzuerziehen, kann zum Absterben der Pflanze führen. Deswegen empfehlen viele Ratgeber und Fachliteraturen die Verwendung von Torf, Erde und Sand von Beginn an. Die Zusammensetzung aus Torf, einem Wasserspeicher, und Sand, der für seine Wasserdurchlässigkeit geschätzt wird, ist die optimale Grundlage für viele Stecklings-Versuche. Einige Stecklinge haben jedoch Probleme bei der Wurzelbildung in eben diesem Substrat. Denn Torf hat einen geringen pH-Wert. Darum reicht es oftmals Gartenerde gemischt mit Sand in einem 1:2 Verhältnis zu benutzen. Auch wichtig sind - eben wie bei der Bearbeitung der Beete im Garten -  Luftpolster. Diese bilden sich im Substrat, wenn man verschiedene Körnungen von Substrat miteinander mischt. So kann auch kleinkörniger Kies in das Stecklingssubstrat gemischt werden. Gerade Stecklinge brauchen viel Sauerstoff zum Bilden der Wurzeln, was jedoch nicht bedeutet, dass die Wurzeln Sonne vertragen. Direkte Sonneneinstrahlung auf das neu zu bildende Wurzelsystem ist nicht förderlich.

Wann und wie Stecklinge ernten?

Das „Wann und Wie“ ist leider nicht pauschal zu beantworten, da jede Pflanze unterschiedliche Wachstumsphasen hat. Grundlegend kann gesagt werden, dass Stecklinge mit Knospen oder Blüten nicht wurzeln werden. Die pflanzeneigenen Hormone, die für die Blüte gebildet werden, verhindern das Wachstum der Wurzeln und dies unabhängig von optimalen äußeren Umständen. Da im Frühling viele Pflanzen Knospen bilden oder sogar schon blühen, greift man einfach zur Schere und schneidet besagte Teile vom Steckling ab.

Verallgemeinert kann man behaupten, dass viele Stecklinge im Frühling geschnitten oder wie bei Koniferen abgerissen werden sollten. Auch hier empfiehlt es sich dringlich vorher die exakte Methode zur passenden Pflanze zu recherchieren.

Stecklinge richtig vorbereiten

Ist ein Steckling gefunden, so geht es direkt zur weiteren Verarbeitung und zum eigentlichen „Stecken“ der neuen Pflanze. Zuerst sollten die unteren Blätter oder Blattpaare entfernt werden, sodass man ungefähr 1/3 der gesamten Länge des Stecklings entlaubt. Dann wird der Schnitt, den man in der Natur zur Ernte des Stecklings gemacht hat, ausgebessert - oder viel mehr korrigiert. Wie auch sonst ist an scharfes und sauberes Werkzeug zu denken! Man schrägt die offene Wunde des gewählten Zweiges an oder verschiebt den Schnitt gegebenenfalls nochmal um einige Zentimeter.  Die bisher üblichste Stelle des Schnittes liegt an und um eine Blattachse, der Stelle wo sich sonst neue Blätter bilden würden. An diesen Schnitt können Bewurzelungshormone und/oder Zimt (das Gewürz in Pulverform) getupft werden. Man kann auch der natürlichen Selektion freie Hand lassen und es ohne Hilfsmittel versuchen.

Danach wird der Steckling in das Substrat oder ins Wasser gesteckt und im Idealfall in einem Gewächshaus platziert, welches entweder künstliches Pflanzlicht besitzt oder einen sehr hellen Standort hat. Die Kombination aus Beidem ist besonders empfehlenswert, wenn man bereits im Herbst angefangen hat oder die Wohnsituation kein südseitiges Fenster zulässt.

Stecklinge aus Zimmerpflanzen

Da die meisten Zimmerpflanzen aus tropischen oder subtropischen Regionen kommen, nutzt man hier zur Stecklingsvermehrung kompakte Zimmergewächshäuser. Zu empfehlen sind Gewächshäuser mit einer zusätzlichen Lichtquelle oder ein heller bis sehr heller Standort. Die Luftfeuchtigkeit sollte für den Steckling gleichbleibend hochgehalten werden. So kann man mit den genannten Hilfsmitteln das ganze Jahr über Stecklinge aus Zimmerpflanzen ziehen.

Stecklinge schneiden

Der Bogenhanf (Sansevieria) ist eine klassische Zimmerpflanze, die schon von der Großmutter gepflegt wurde und mittlerweile ein Comeback hat. Sie ist einfach zu pflegen, sehr fehlertolerant und einfach zu vermehren.

Zum einen kann man sie ganz einfach teilen und in zwei neue Töpfe pflanzen. Die Substrat-Mischung sollte bei einem Teil Pflanzenerde zu einem Teil Sand liegen (1:1).

Zum anderen lässt sich die Pflanze sehr einfach Zerschneiden. Hierbei kann es aber zu Abweichungen der Sortenreinheit kommen. Dafür nimmt man sich einige der längsten Blätter und schneidet sie in zehn Zentimeter lange Stücke. Diese müssen dann für ein bis zwei Tage trocknen bevor man sie in die besagte Sand-Erde-Substrat-Mischung steckt. Die Stecklinge oder viel mehr „Schnittlinge“ sollten ungefähr drei bis fünf Zentimeter mit der Schnittfläche nach unten in der Erde stecken. Diese danach angießen und leicht feucht halten. Die Erde darf an der Oberfläche auch gern antrocknen. Für das beste Wachstum sollten die neuen Bogenhanf-Pflanzen an einem hellen Standort ohne direkte Sonneneinstrahlung positioniert werden. Die optimalen Temperaturen liegen zwischen 23 und 30° Celsius.

Natürliche Stecklinge

Eine ebenso beliebte Zimmerpflanze ist die Grünlilie (Chlorophytum comosum). Diese eher schlichte Pflanze mit ihren lanzettlichen Blättern in satten Farben macht es uns sogar noch um Einiges leichter. Sie bildet nach einiger Lebenszeit lange Ausleger mit einigen unscheinbaren weißen Blüten aus denen Samen werden können. Außerdem entwickeln sich nach bis zu zwei Monaten 10-15cm kleine Kindel der Mutterpflanze. Diese Methode der Natur ist bekannt als Vermehrung durch Ausläufer. Hierbei bildet eine Pflanze verlängerte Seitensprosse, an denen neue eigenständige Pflanzen entstehen, um damit neue Lebensräume erschließen zu können. Diese natürliche Vermehrung nutzen wir, indem wir die gebildeten Kindel samt Seitenspross ungefähr zehn Zentimeter über dem Ursprung des Sprosses abschneiden und sie einfach einpflanzen. Jetzt müssen nur noch die Pflänzchen vom Spross getrennt werden und in Stecklingssubstrat gesteckt werden. Der Hauptspross kann dafür als Lochstecher fungieren und fünf Zentimeter lange Reste an dem Kindel können als Steckhilfe für die fragilen Pflänzchen genutzt werden.

Stecklinge aus Gartenpflanzen

Viele Stecklinge von Gartenpflanzen lassen sich wegen der jahreszeitlichen Wachstumsphasen der Mutterpflanzen ausschließlich im Frühling kultivieren. Es gibt mehrere Methoden Stecklinge einer Pflanze zu gewinnen.

Stecklinge abreißen

Zum einen werden bei Koniferen, wie der Eibe (Taxus baccata) und einigen Nadelgehölzen - beispielsweise des Lebensbaums (Thuja occidentalis) - das Abreißen eines Seitentriebes empfohlen. Dabei wird ein Stück der Rinde von der Mutterpflanze ruckartig mit dem Steckling entfernt. Dieses abgerissene Stück beinhaltet wichtige Enzyme und Hormone, die für das Wachstum des zukünftigen Wurzelsystems elementar sind. Zur Kultivierung dieser Stecklinge steckt man diese ebenfalls in eine lockere Substrat-Mischung, die den Mutterpflanzen in ihren Ansprüchen gerecht wird. Die meisten Koniferen und Nadelgehölze bevorzugen saure Böden. Somit bietet sich bei diesen Stecklingen die Torf-Sand-Mischung, gemischt mit einigen Kieseln, an.

Absenker-Pflanzen

Eine weitere Methode der Vermehrung sind Absenker. Diese Art der Stecklingsanzucht bietet sich bei niedrig wachsenden Pflanzen an. Schöne und erfolgversprechende Pflanzen sind die japanische Lavendelheide (Pieris japonica), der italienische Lavendel (Lavandula angustifolia) und auch Salbei (Salvia officinalis). Zum Bilden eines Absenkers werden niedrig liegende und einjährige Triebe in ihrer Mitte in den Boden eingegraben. Die Spitze des Triebs muss aus der Erde herausragen, um sich mit Hilfe der Sonne als neue Pflanze zu entwickeln. Oftmals müssen mechanische Hilfsmittel, wie Klammern oder Seile genutzt werden, damit der gewählte Absenker überhaupt im Boden bleibt. Nach einem bis zwei Monaten kann man den Steckling kontrollieren. Mittlerweile sollten sich Wurzeln unter der Erde gebildet haben. Falls das Wurzelsystem bereits größer ist, also mindestens vier mittlere Wurzeln und die dazugehörigen Feinwurzeln besitzt, kann man den Steckling von der Mutterpflanze trennen. Dazu einfach einen sauberen Schnitt unter der geförderten Wurzelbildung setzen und den Zweig wieder von seinen Klammern oder Seilen lösen, sodass dieser vergrabene Zweig sich bis Ende der Vegetationsphase erholen kann. Den Absenker nun in ein Substrat stecken, das der Erde der Mutterpflanze nahekommt.

Das „Stecklinge stecken“ ist sehr aufregend und in seiner Umsetzung sehr vielfältig. Hat man die richtige Methode gewählt, den Schnitt richtig gesetzt oder einfach zu wenig gegossen? All diese Fragen können erst nach den ersten eigenen Versuchen und Erfahrungen beantwortet werden. Das Gefühl zu entwickeln, was seinen Pflanzen fehlt, ist wohl das Schwerste, das man sich als Pflanzenfreund zur Aufgabe gemacht hat.

Mit diesen Informationen und der Begeisterung für Pflanzen wünschen wir von 1001Plants viel Spaß und vor allem Erfolg bei der Stecklingsvermehrung. Für alle, die diese Leidenschaft nicht teilen, aber trotzdem nicht auf lebendige Farben und eine Vielfalt ihres Balkons, Wohnzimmers oder Gartens verzichten wollen, empfehlen wir den Besuch unseres Online-Shops, der mit einer schönen Auswahl Lust auf mehr macht.


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